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	<title>fxneumann · Blog von Felix Neumann &#187; Kirche</title>
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	<description>Nachdenken über Politik, Gesellschaft und Kirche.</description>
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		<title>Leserbrief: Kirchliches Diskussionsklima</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Dec 2011 17:26:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Dialog]]></category>
		<category><![CDATA[Erzdiözese Freiburg]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein Artikel im Konradsblatt, der Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg, über die Vollversammlung des Diözesanrats und der dort erfolgten Reflexion über den Papstbesuch, hat für großen Aufruhr gesorgt. Ein Höhepunkt war, daß auf der Grundlage dieses Artikels Weihbischof Klug den Diözesanrat mit sehr deutlichen Worten in einem Leserbrief (Nr. 48, S. 32) in den ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=2286"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>Ein <a href="http://www.konradsblatt-online.de/html/aktuell/aktuell_u.html?&#038;m=25180&#038;modul=17&#038;cataktuell=1160&#038;artikel=13811&#038;home=true">Artikel im Konradsblatt</a>, der Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg, über die Vollversammlung des <a href="http://www.dioezesanrat-freiburg.de">Diözesanrats</a> und der dort erfolgten Reflexion über den Papstbesuch, hat für großen Aufruhr gesorgt. Ein Höhepunkt war, daß auf der Grundlage dieses Artikels Weihbischof Klug den Diözesanrat mit sehr deutlichen Worten in einem Leserbrief (Nr. 48, S. 32) in den Senkel gestellt hat. Auf diesen Leserbrief habe ich geantwortet, in der aktuellen Ausgabe wurde er gedruckt. Hier der Leserbrief:<br />
<span id="more-2286"></span><br />
»Weihbischof Klug wirft dem Vorstand des Diözesanrats vor, die Diskussion falsch vorbereitet und geleitet zu haben; die Debatte sei keine »Sternstunde« gewesen. Mir ist unklar, wie er zu diesem Urteil kommt &#8212; weder war er anwesend, noch lag ihm das Protokoll vor, noch hat er mit dem Vorstand Kontakt aufgenommen. Klug urteilt also wohl allein vom ihm zugetragenen Ergebnis her: Viele Mitglieder des Diözesanrats teilen die vom Bistum ausgegebene Meinung zum Papstbesuch nicht und diskutieren das in einer offenen Aussprache. Als Mitglied des Vorstands habe ich diesen Tagesordnungspunkt geleitet und kann im Vorgehen auch keinen Fehler erkennen: Wenn das Thema die Reflexion des Papstbesuchs ist, dann ist die Fragestellung notwendigerweise offen und es steht dem Vorstand auch nicht an, eine Meinung oder Richtung vorzugeben, wie der Papstbesuch zu beurteilen sei. Die Kritik jedenfalls wurde (so habe zumindest ich es empfunden) auf hohem Niveau, wohlbegründet und ohne Polemik geäußert. </p>
<p>Wenn die Mitglieder des Diözesanrats sich nicht frei äußern sollen, dann braucht es diesen Rat nicht. Synodale und demokratische Strukturen sind nicht möglich, wenn das offene Wort unerwünscht ist und nur konforme Meinungen geäußert werden dürfen. Im Diözesanrat kommen Männer und Frauen zusammen, die das alltägliche Leben in ihren Pfarrgemeinden, Verbänden und Gemeinschaften mitgestalten &#8212; und aus diesem Horizont wurde auch der Papstbesuch diskutiert: Wiederverheiratete Geschiedene, Ökumene, Geschlechtergerechtigkeit &#8212; all das sind Themen, die aus dem Leben kommen, und bei denen auch viele in den Räten engagierte Menschen Handlungsbedarf sehen und aus ihrer täglichen Praxis heraus kritische Anfragen an den Papst und die Lehre der Kirche stellen. Warum aber die zitierten Mitglieder des Rates zu ihrer Einschätzung kommen, scheint Weihbischof Klug nicht zu interessieren. </p>
<p>Der Aufruhr, den die aus meiner Sicht recht harmlose Diskussion hervorgerufen hat, ist symptomatisch für das Diskussionsklima in unserer Kirche: Es ist geprägt von Ängstlichkeit und Enge, jede kritische Äußerung wird als Nestbeschmutzung angesehen. Wenn das ZdK eine <a href="http://www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen/detail/Fuer-ein-partnerschaftliches-Zusammenwirken-von-Frauen-und-Maennern-in-der-Kirche-198G/">Position zum Thema Geschlechtergerechtigkeit</a> beschließt, die im Prinzip auch nur das Bischofswort <a href="http://www.dbk-shop.de/media/files_public/itlgsmqk/DBK_1130.pdf">»Zu Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft«</a> von 1981 etwas diplomatischer formuliert, sieht die Bischofskonferenz postwendend den Dialog <a href="http://www.dbk.de/presse/details/?suchbegriff=zdk&#038;presseid=2007&#038;cHash=e11c55551f66191bf9b96b7d26e4ab03">massiv belastet</a>; wenn die Vorsitzende des Diözesanrats freimütig bekennt, daß sie keine besonderen Erwartungen an den Papstbesuch hat, sich aber gerne überraschen ließe, ist schon das skandalös (nach dem Papstbesuch freilich gibt unser Herr Erzbischof selbst die Parole aus, daß zu hohe Erwartungen im Vorfeld an den Besuch herangetragen wurden).</p>
<p>Wenn die Kirche dialogfähig werden will, dann muß es zuerst möglich sein, offen Positionen zu benennen, ohne daß jeder geäußerte Dissens schon als Affront gesehen wird. Ohnehin sind die Zeiten vorbei, da Kommunikation und Außenwirkung zentral gesteuert werden konnten. Unsere Kirche und die Meinungen, die ihre Glieder vertreten, sind plural, vielseitig, manchmal auch dissonant: Wie sollte es in katholischer Weite auch anders sein! Das verdunkelt nicht die Botschaft der Kirche, im Gegenteil: <a href="http://fxneumann.de/2010/05/06/die-wahrheit-wird-euch-freimachen/">Erst im kritischen Hinterfragen kann unsere Botschaft vor der Welt bestehen.</a></p>
<p>Weder der Kirche noch der Welt wäre mit einer Parteitagsregie für den Diözesanrat gedient, die Widerspruch glättet und zurückhält.«</p>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2286&amp;md5=2a676912f089f7d616222da677fe4f60" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Feind meines Feindes</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Oct 2011 16:08:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Medienethik]]></category>
		<category><![CDATA[Medienkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Pornographie]]></category>
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		<description><![CDATA[Bei aller berechtigten Häme, die der Welt-Artikel zum Sortiment von Weltbild erzeugt, ist mir der Tenor des Buzz doch etwas suspekt: Völlig kritiklos wird ein Artikel weitergegeben, der in seinem denunziatorischen und verklemmt-sexualisierten Ton 1:1 kath.net entstammen könnte. (Und in der Tat publiziert der Autor Bernhard Müller dort und gibt – wie auch unter ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=2273"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>Bei aller berechtigten Häme, die der <a href="http://www.welt.de/vermischtes/article13679586/Katholische-Kirche-macht-mit-Pornos-ein-Vermoegen.html">Welt-Artikel zum Sortiment von Weltbild</a> erzeugt, ist mir der <a href="http://rivva.de/137116912">Tenor des Buzz</a> doch etwas suspekt: Völlig kritiklos wird ein Artikel weitergegeben, der in seinem denunziatorischen und verklemmt-sexualisierten Ton 1:1 kath.net entstammen könnte. (Und in der Tat publiziert der Autor Bernhard Müller dort und gibt – wie auch unter dem Artikel steht – das im Artikel erwähnte »PUR Magazin« heraus.)<br />
<span id="more-2273"></span><br />
Weltbild ist, neben dem in der Tat voll von Weltbild verantworteteten Katalog (der auch tatsächlich einiges an grenzwertiger Esoterik enthält), auch eine Vollsortimentsbuchhandlung, die die üblichen Buchkataloge abgreift und natürlich alle Bücher besorgen kann. Natürlich auch die »kirchenfeindlichen Schriften wie die Bücher des Gottleugners Richard Dawkins« (warum läßt sich die Welt auf dieses Niveau herab?). Mit entsprechendem Eros kann man natürlich auch obskure Erotik-Verlage finden, die über den normalen Buchhandel vertreiben. Folgerichtig wird auch die Beteiligung am gemeinhin nicht als allzu jugendgefährdenden buecher.de angekreidet, wo angeblich »Bücher wie ›Graf Porno‹ und ›Porno für Paare‹ beworben« werden. (Bei mir nicht, aber das mag an der Personalisierung der Werbung liegen.)</p>
<p>Will der Autor etwa, daß Buchhändler nicht mehr allgemeine Kataloge vorhalten, sondern einzig ein nach bestimmten ethischen Kriterien vorgefiltertes Programm führen? Oder im Umkehrschluß behaupten, daß die meisten Buchhandlungen, jedenfalls alle, die Barsortimente bemühen, unmoralisch seien?</p>
<p>In bewährter kath.net-Manier wird quellenlos uneigentlich gesagt, was eigentlich gemeint ist:</p>
<blockquote><p>
Manchem bleibt nur noch die Polemik: Wozu braucht „Weltbild&#8221;-Aufsichtsrat und Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Langendörfer, „Meine feuerroten Stilettos?“. Muss Bischof Mussinghoff wissen „Warum Männer so schnell kommen und Frauen nur so tun als ob“. So könnte man fortfahren.</p>
<p>Die quälende Frage bleibt, warum die Bischöfe als Miteigentümer ihrer persönlichen Verantwortung nicht gerecht werden und Bücher produzieren lassen wie: „Nimm mich hier und nimm mich jetzt!“, „Sex für Könner“, „Handbuch für Sexgöttinnen“, „Schmutzige Geschichten“, „Der perfekte Verführer“, „Sag Luder zu mir!“.
</p></blockquote>
<p>Andeutungen und verkürzte Argumentationsketten werden zur Denunziation. (Zufall, daß diese beiden als Beispiele herhalten müssen? Der – in kath.net-Kreisen – der <a href="http://www.lectiobrevior.de/2011/06/ein-vatikanisches-dossier.html">Kirchenspaltung bezichtigte Jesuit Langendörfer</a> und Bischof Mussinghoff, der – ebenda – kritisiert wird wegen seiner <a href="http://www.az-web.de/artikel/1451742">die Beteiligung von Laien intensivierendne Reform der Pastoral in seinem Bistum</a> – statt etwa Bischof Müller aus Regensburg, dessen <a href="http://www.weltbild.com/unternehmen/ueber-uns/organe/gesellschafter/">Beteiligung an Weltbild</a> noch größer ist?) Die eigene Lust am Verbotenenen der Lust wird sublimiert in Schmähungen. Kritik wird gnadenlos sexualisiert, es wird geschwelgt in Schilderungen der Verdorbenheit des anderen, und es ist völlig legitim, all die wunderbaren unanständigen Wörter in den Mund zu nehmen und all die wunderbaren Schweinereien sorgfältig zu recherchieren und zu beschreiben (kannte vor diesem Artikel jemand <a href="http://www.blue-panther-books.de/">»Blue Panther Books«</a>?) – es wird ja im Modus der lustvollen Distanzierung getan.</p>
<p>Kirchliche Beteiligungen an Unternehmen kann man (aus säkularer Sicht) kritisch sehen – und sie sind (aus christlicher Sicht) auch grundsätzlich zu hinterfragen und hinsichtlich katholischer Sozial- und Morallehre zu überprüfen. Gerade die Kirche muß sich an ihren eigenen Maßstäben messen lassen, und insofern ist der Spott, der im Netz über die Kirche ausgebreitet wird, auch völlig berechtigt – die Frage ist nur: Will man sich wirklich mit <em>diesem</em> Kritiker gemein machen?</p>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2273&amp;md5=dec8fb8f8e52f293ff0a057240f80089" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Im moralischen Prokrustesbett</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Sep 2011 20:15:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Rede des Papstes vor dem Bundestag war eine große Rede – eine Rede voller Teile, denen man beim Hören unmittelbar zustimmen möchte, eine Rede, die viele wichtige Impulse setzt. Es war aber auch eine Rede, deren oberflächliche Konsensfähigkeit nicht darüber hinwegtäuschen sollte, daß es dem Papst im Kern damit um einen hochproblematischen Naturbegriff ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=2250"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>Die <a href=”http://www.papst-in-deutschland.de/fileadmin/redaktion/microsites/Papstbesuch/Tagebuch/Reden_Papst/DT_22092011_SH_2_Bundestag_B.pdf”>Rede des Papstes vor dem Bundestag</a> war eine große Rede – eine Rede voller Teile, denen man beim Hören unmittelbar zustimmen möchte, eine Rede, die viele wichtige Impulse setzt. Es war aber auch eine Rede, deren oberflächliche Konsensfähigkeit nicht darüber hinwegtäuschen sollte, daß es dem Papst im Kern damit um einen hochproblematischen Naturbegriff geht mit sehr praktischen Konsequenzen.</p>
<p><span id="more-2250"></span> </p>
<p>Die Rede war eine dem deutschen Parlament und der deutschen Geschichte sehr angemessene: Die Würde des Menschen und die Selbstbeschränkung des gesetzten Rechts um der Würde willen – der Generalbaß, der auch das Grundgesetz prägt und zu einer rechtsgeschichtlich so bedeutsamen Verfassung macht.</p>
<p>Beim wiederholten Lesen fällt mir auf, wie deutsch die Rede ist – nicht in einem nationalschwiemeligen völkischen Sinn, sondern indem subtil Themen aufgegriffen werden, die den deutschen Diskurs geprägt haben: Wenn Gewissen gefaßt wird als »die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft«, dann klingt nicht nur Heideggers Sprache an (Kants »moralisches Gesetz in mir« allerdings weniger); Vernunft ist bei Benedikt gleichsam notwendig und freiheitsstiftend wie gefährliche Quelle von Hybris – Dialektik der Aufklärung.</p>
<p>Die Rede war aber nicht nur eine dem Adressaten angemessene, sondern auch dem Redner selbst: Es ging um zentrale Themen der Theologie Joseph Ratzingers und der Programmatik Benedikts XVI.: Christliche Werte und gegenwärtiger Werterelativismus – und das ist für mich auch der Teil der Rede, der ich vehement widerspreche: Benedikts Antwort auf seine Frage »Wie erkennt man, was Recht ist?« ist allzu schnell der Verweis auf Natur und Vernunft – doch der Natur- wie der Vernunftbegriff ist gleichzeitig unterbestimmt wie überbewertet.</p>
<p>»Wie erkennt man, was Recht ist?« – das ist eine Frage, <a href='http://fxneumann.de/2009/12/01/mehrheit-und-wahrheit/' title='Mehrheit und Wahrheit'>die auch mich sehr umtreibt</a>, und eine Frage, die ich für eminent wichtig halte in allen Diskussionen um die Befugnisse, die ein Staat sich aneignen darf, will er noch als freiheitlich gelten dürfen.</p>
<p>Benedikts Antwort ist eine sehr selbstbewußte: Wir haben die Antwort ja vor uns liegen, in Natur und Vernunft, und also ist die Aufgabe aller Politiktreibenden, ihr Wirken an der Gerechtigkeit auszurichten – und diese Gerechtigkeit ist nicht nur subjektiv zu erkennen, sondern, guten Willen vorausgesetzt, für alle gottgegeben erkennbar. Damit ist, so Benedikt, der Ethos eben nicht dem Raum des Subjektiven zugewiesen – es gebe eine objektive Moral, und diese gründe in Gottes schöpferischer Vernunft, und dieses Gründen sei notwendig.</p>
<p>Ich gehe auch davon aus, daß es eine objektive Moral gibt, wenn ich auch in der Begründung von Benedikt abweiche. Zu einer autonomen Moral, also einer Moral, die aus sich heraus Geltung beanspruchen kann, ohne notwendig in Gott oder seiner schöpferischen Vernunft zu gründen, sehe ich keine Alternative: Moral gilt aus sich selbst heraus, und nicht weil sie jemand, und sei es ein Gott, gesetzt hätte, sie ist ab-solut, losgelöst, nicht kontingent, abhängig. Was nicht moralisch ist, kann nicht »par ordre de Dieu« moralisch gemacht werden, und wenn Gott und Moral gleichursprünglich sind, so setzt die Moral doch Gott Grenzen und setzt ihn einer Notwendigkeit aus: Nicht einmal von Gott ist der Befehl gerechtfertigt, den unschuldigen Sohn zu töten, und Gott kann diesen Befehl nicht rechtfertigen.</p>
<p>Aber auch hier das Problem: »Wie erkennt man, was recht ist?« – nach dem Papst ist alles recht einfach. Das Gewissen sei »die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft«, und rechtverstanden läßt sich aus der Natur im Lichte dieser Vernunft ableiten, was richtig ist – und da sind wir schon mitten im Problem: Wer entscheidet, was »rechtverstanden« heißt? Wer ist die autoritativ entscheidende Instanz, die falsche Folgerungen von rechtverstandenem Hören auf die Sprache des Seins unterscheidet?</p>
<p>Diese Frage führt in den Kern der Problematik von Benedikts Entwurf: Er braucht diese Instanz, und er bejaht emphatisch die Existenz einer derartigen Instanz. Es ist nicht ausgesprochen – aber es kann kaum anders verstanden werden: diese Instanz ist die Kirche, und insbesondere diejenige Instanz innerhalb der Kirche, die autoritativ über richtig und falsch entscheidet: Der Papst.</p>
<p>Der freiheitliche Staat ist ein Staat, der sich moralischen Gewißheiten so weit wie möglich enthält; der geniale Kunstgriff des Grundgesetzes ist, eine moralische Gewißheit als Leitidee aufzugreifen, die Würde des Menschen, um damit das Einfallen weiterer moralischer Gewißheiten zu verhindern: Indem die Würde des Menschen als vorpositiv, dem durch Mehrheit gesetzten Recht vorgängig gesetzt wird, wird sie der Setzung durch Mehrheit entzogen.</p>
<p>Demokratie und Diskurs ist eine logische Folge dieser Zurücknahme: Es ist objektiv so, daß die Menschen nicht über die jeweils subjektiv als objektiv empfundenen Wahrheiten übereinstimmen, was Recht ist und wie genau man »der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann«. Und nicht nur stimmt man nicht überein, auch auf ein Schiedsgericht ist sich nicht zu einigen. Zum Widerstreit der Meinungen und Wertvorstellungen gibt es keine Alternativen, die freiheitlich wären.</p>
<p>Die dem angemessene Politikform ist eine Politik der Bescheidenheit: Eine Abkehr davon, alles als objektiv regel- und planbar zu verstehen – damit stimmt auch Benedikt überein. Es ist aber auch eine Abkehr davon, für alle verbindlich einen Begriff des guten Lebens festzulegen – und genau das glaubt Benedikt zu haben, zu kennen und zu können, und genau dort ist das Einfallstor, das all die Proteste etwa gegen die katholische Sexualpolitik so plausibel macht.</p>
<p>Ein zentraler Punkt der Rede zielt auf die Natur des Menschen ab:</p>
<blockquote><p>
Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.
</p></blockquote>
<p>Hier geht es nicht (nur) um Bioethik oder um eine Naturethik, auch wenn der Papst die Sorge um die Umwelt explizit und ausführlich gewürdigt hat. Volker Beck lobte im Interview unmittelbar nach der Rede, daß sie niemanden beleidigt habe, daß Benedikt darauf verzichtet habe, Homosexualität als objektiv ungeordnet zu bezeichnen. Genau das hat Benedikt aber getan: Was gerade der deutschen bioethischen Befindlichkeit – sei’s im Kontext Klonen, PID oder Gentechnik – so eingängig und zustimmungsfähig klingt, ist tatsächlich der hochproblematische Kern der Sexualpolitik der Kirche: Der feste Glaube an <em>die</em> Natur des Menschen. Mit diesem Glauben einher geht auch die Überzeugung, daß es naturgemäßes Verhalten gibt – und eben objektiv ungeordnetes. Natur ist bei Benedikt ein platonischer Begriff: Die unveränderliche <em>Idee</em> der Natur. Es gibt das eine Idealbild, in dem Sollen und Sein in eins fallen. Alles andere ist Abweichung (und gerade ein Sein, das zwar ist, aber nicht sein soll), und wenn diese »Abweichung« auch noch so konsensual ist, ist sie doch nicht der Vollzug »wahrer« Freiheit.</p>
<p>Der Kern dieser Argumentation ist eine tief in der Philosophie- und Theologiegeschichte verwurzelte – eine Ideengeschichte, die auch eine durch Denkverbote und lehramtliche Maulkörbe geprägte ist, eine Geschichte kirchlicher Machtausübung zum Zwecke der (Sexual-)Politik. Für Augustinus ist Freiheit nur die Freiheit zum Guten. Thomas von Aquin kennt den Unterschied von Artnatur (die Natur, die einer ganzen Art zukommt) und Individualnatur (nicht jedem Individuum einer Art kommt die Artnatur zu) – 1277 verdammt Bischof Étienne Tempier von Paris diese Argumentation, insofern sie dazu dient, »naturwidrige« Sexualität zu rechtfertigen. (These 166 des Konvoluts verbotener Positionen lautet »Die Sünde gegen die Natur, also der Mißbrauch des Beischlafs, mag gegen die Natur der Art gehen, aber er geht nicht gegen die Natur des einzelnen.«) Augustinus’ Argumentation taucht im 19. Jahrhundert auf, wenn Glaubensfreiheit bestritten wird, da es keine Freiheit zum Irrtum geben dürfe. Immer geht es darum, daß nicht sein darf, was nicht sein soll, daß nicht sein darf, was der wahren Natur widerspricht.</p>
<p>Benedikt hat ein großartiges Plädoyer für die Begrenzung des Glaubens an eine Allzuständigkeit und Allmacht der Politik gehalten – etwas, das ich heute für mehr denn je wichtig halte. Mit seiner großen These von der Diktatur des Relativismus geht aber die Forderung nach einer für alle verbindlichen Ausrichtung an einer von ihm repräsentierten Idee der Natur des Menschen einher – die Natur des Menschen als moralisches Prokrustesbett. Wer aber nur <em>den</em> Menschen und seine kollektive ideale Natur kennt, übersieht jeden einzelnen Menschen in seiner Verschiedenheit – der Papst und die Proponenten seines Naturbegriffs sehen objektive Unordnung, wo subjektiv nur Liebe ist.</p>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2250&amp;md5=65d3dcd9b6368a82c5e7eb4e0a0ee67e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Protestchiffre Papst</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Sep 2011 16:36:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Philipp Gessler, Kirchenredakteur der taz, hat einen in katholischen Kreisen vielbeachteten Artikel in seiner sonst mit der Kirche eher fremdelnden Zeitung veröffentlicht. Das Lob (zumindest aus den progressiven Kreisen) scheint ungeteilt zu sein.

Und in der Tat: Das meiste in Gesslers Artikel ist angenehm unaufgeregt zwischen dem – von ihm selbst festgestellten – Hossiana und ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=2242"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>Philipp Gessler, Kirchenredakteur der taz, hat einen in katholischen Kreisen vielbeachteten <a href=http://taz.de/Benedikt-XVI-in-Deutschland/!78469/>Artikel</a> in seiner sonst mit der Kirche eher fremdelnden Zeitung veröffentlicht. Das Lob (zumindest aus den progressiven Kreisen) scheint ungeteilt zu sein.</p>
<p>Und in der Tat: Das meiste in Gesslers Artikel ist angenehm unaufgeregt zwischen dem – von ihm selbst festgestellten – Hossiana und Kreuzige ihn! ansonsten in den Medien, die Spitze gegen den ungleich unkontroverseren Dalai Lama (und die Linkspartei!) sehr willkommen. Alles in allem ein Artikel, den ich in weiten Teilen so unterschreiben kann, und in dessen Tenor ich mir mehr Katholiken in der Presse wünschen würde: Auskunft darüber, was Menschen dazu treibt, katholisch zu sein, geschrieben nicht für die eigenen Leute, nicht <em>preaching to the converted</em>.</p>
<p>Wenn da nicht zwei Absätze wären, die die politische Bedeutung des Papstes zurücknehmen. Zwei Aspekte werden dort ausgeblendet: Die Bedeutung des Symbolischen in der Politik und das politische Selbstverständnis der katholischen Kirche.</p>
<p><span id="more-2242"></span></p>
<p> Es heißt dort:</p>
<blockquote><p>
Zum anderen darf man den Papst nicht zuerst als jemanden sehen, der politisch nach außen wirken will, sondern zunächst nach innen in die Kirche und geistig-theologisch, mit Abstrichen gesellschaftlich.
</p></blockquote>
<p>Das überrascht gerade in der linken taz, die doch üblicherweise ein Verständnis dafür hat, daß die Dinge nicht einfach nur isoliert sind, sondern gerade im Kontext und in ihrer Wirkung mit Bedeutung aufgeladen werden. Ohne Zweifel: Benedikt XVI ist (Gessler führt das an) ganz anders Papst als Johannes Paul II., der tatsächlich ein offen politischer Papst war. Was der Papst aber <em>will</em>, ist für seine Wirkung und Funktion in der Öffentlichkeit zwar nicht unbedeutend, aber sekundär. (Und, ganz theologisch: Mit dem eigenen Beispiel in die Gesellschaft wirken ist als <em>Martyria</em>, Zeugnis geben, gerade ein Grundprinzip des Christlichen.)</p>
<p>Der Papst ist primär ein Symbol für die mit ihm verbundenen Inhalte. Das ist schade, wenn sein friedenspolitisches Engagement oder all das Gute an der Kirche, das Gessler auch aufführt, in den Hintergrund treten, weil der Papst für seine Sexualpolitik steht. Derartig reduziert zu werden auf einen Aspekt wird niemandem gerecht. Das Christliche, der Papst sind aber im Diskurs eine Chiffre für ein bestimmtes Wertfundament, so wie das C in der CDU weniger für die Bergpredigt als vielmehr für ein bestimmtes moralisches Milieu steht, das nicht notwendig »christlich« im universellen und pazifistischen Sinn Gesslers ist.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird dann auch die Rede vor dem Bundestag verhandelt: Die Ausflüchte, es handle sich beim Papst um ein Staatsoberhaupt und allein deshalb spreche er dort, verschleiern, worum es geht. Der Papst spricht natürlich auch, obwohl er in Berlin auf Staatsbesuch ist, für die Kirche. Die Positionierung zu dieser symbolischen Handlung ist selbst wiederum Symbolpolitik. Den boykottierenden Abgeordneten ihren Boykott vorzuwerfen, ist insofern auch ungerecht: Sie spielen ja nur mit im symbolpolitischen Theater. Auch wenn deren Erzählung etwas überdreht ist (es geht ja nicht um die Einrichtung einer Theokratie, sondern nur darum, Religionen als eine Wertquelle vieler zu akzeptieren): Es geht im Bundestag bei der Papstrede nicht um formalen Diskurs (herrschaftsfreien sowieso nicht) – und weil es der Bundestag ist, wird der politische Diskurs über die Symbole geführt. Was der Papst auch immer will: Symbolpolitisch wirkt er nach außen, und daher muß gerade in einem freiheitlichen Staat auch die Bedeutung dieses Symbols diskutiert werden. Daß der Papst Symbol einer Sexualpolitik ist, die die Liebe mancher Menschen diffamiert, verkürzt die Lehre und das Wirken der Kirche. Mit dem symbolischen Akt einer Rede vor dem Bundestag wird dieser Bedeutungsgehalt des Symbols aber mit aufgerufen – da ist es für alle, die für eine andere Politik stehen, Protest nichts anderes als legitim. (Und, ganz nebenbei gesprochen: wenn <a href=http://www.faz.net/artikel/C30089/proteste-gegen-den-papst-das-letzte-vorurteil-30690391.html>Daniel Deckers in der FAZ</a> schreibt, Homosexualität sei ja nur eine Nebensache in der Lehre, es komme ja auf die Haupsache, die Hochschätzung der dauerhaften Liebe an, dann ist das selbstverständlich Unsinn: Das gesamte hehre Gebäude der Sexualmoral stürzt zusammen die Proteste zielen auch auf den Kern der behaupteten christlichen Botschaft – dazu auch mein <a href='http://fxneumann.de/2010/04/27/homosexualitaet-widerspruch-aus-loyalitaet/' title='Homosexualität: Widerspruch aus Loyalität'>alter Artikel zu Homosexualität</a>.) </p>
<p>Im nächsten Absatz geht es Gessler um den Kern der christlichen Botschaft:</p>
<blockquote><p>
Die Botschaft Jesu war auch politisch-gesellschaftlich gemeint und wirksam, aber sie zielte doch zuerst auf das geistig-individuelle Leben des Menschen &#8211; Stichwort: &#8220;Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.&#8221; (Matthäus 22,21). So sind auch die meisten Stellungnahmen des Papstes zu lesen. Sie haben politisch-gesellschaftliche Implikationen, die man mit guten Gründen ablehnen mag, den Kern seiner Botschaft machen sie nicht aus.
</p></blockquote>
<p>Der Kern der Botschaft sei also verschieden von politischen Geltungs- und Gestaltungsansprüchen. Erstens: Richtig. Zweitens: Zwischen der Botschaft Jesu und heute liegen 2000 Jahre Kirchengeschichte und die Ausbildung eines kirchlichen Anspruchs an die politische Wirkung der eigenen Botschaft. Der Rückzug aus dem Politischen des frühen Christentums war spätestens mit Kaiser Konstantin vorbei.</p>
<p>Mit dem Christentum als Staatsreligion und einer christlichen Hegemonie über den politischen Raum geht ein Gestaltungsanspruch und der Anspruch einer moralischen Richtlinienkompetenz einher, der das Staatskirchenturm weit überdauert hat. (Selbst die Reformation, die ja nicht nur ein religiöser Konflikt, sondern auch ein Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie war, mit ihrer Betonung des Einzelnen und seinem Gewissen, kam nicht um die christliche Grundierung des Gemeinwesens herum, ausgedrückt durch das landesherrliche Kirchenregiment.)</p>
<p>Die Kirche gibt klare politisch-gesellschaftliche Sollvorgaben aus, sie kennt eine politische Ethik, sie kennt eine Sozialethik, und sie greift vernehmbar und deutlich ins politische Geschehen auf allen Ebenen ein: Sie fordert einen Gestaltungsanspruch ein, begründet in ihrer Deutungshoheit – die Ablehnung der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, bioethische Positionen: Die Beispiele sind zahlreich, in denen es <em>expressis verbis</em> nicht nur um eine tugendethische Stellungnahme zum »geistlich-individuellen Leben« des Einzelnen geht, sondern um eine Deutungshoheit und einen Gestaltungsanspruch über politische Entscheidungen. Die Ablehnung der Homoehe, bioethische Stellungnahmen: Überall dort ist das politisch-gesellschaftliche nicht bloße Implikation, sondern Hauptinhalt. Und diesem Hauptinhalt gilt die politisch-gesellschaftliche Kritik, die sich nicht mit einem idealisierten Urbild abtun läßt. So wunderbar dieses Urbild auch ist: Es entkräftet keinerlei Kritik an der gegenwärtig existierenden Kirche; im Gegenteil: Gerade dieses Urbild kann als Kritikfolie dienen, um dadurch eine umso schärfere Kirchenkritik mit Argumenten zu munitionieren.</p>
<p>Aus all diesen Gründen ist es mir völlig unverständlich, wie man den Papstbesuch von allem Politischen entkleiden kann – auch wenn die Stoßrichtung der Entpolitisierung klar ist: Die Proteste gegen den Papst lassen sich nur dann delegitimieren, wenn dem Papst seine politische Bedeutung und sein politischer Anspruch abgesprochen wird. </p>
<p>Wer sich aber in die Öffentlichkeit begibt und dort verhandelt, was zwischen Menschen geschieht und geschehen soll, der kann gar nicht unpolitisch diskutiert werden. Und deshalb braucht es politische Auseinandersetzung mit dem Papst bis hin zum Protest.</p>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2242&amp;md5=154dffd5f703eca3883c44a4e413bad5" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Preis der christlichen Leitkultur</title>
		<link>http://fxneumann.de/2011/04/20/der-preis-der-christlichen-leitkultur/</link>
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		<pubDate>Wed, 20 Apr 2011 16:15:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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<p>Nein, es geht hier nicht um <em>den</em> Preis der christlichen Leitkultur, den diejenigen zu zahlen haben, die <em>nicht</em> dazugehören. Mir geht es um den Preis, den die christlichen Kirchen (das »jüdisch« in »jüdisch-christlich« ist bestenfalls Kosmetik) zu entrichten haben. Das Christentum gehört zu Deutschland – und zwar de jure und de facto anders und mehr als etwa der Islam zu Deutschland gehört. Nicht im Kontext einer Integrations- und Leitkulturdebatte, sondern auf rechtlicher Ebene: Staatliche Feiertage sind mit christlichem Namen und Termin installiert, trotz Verfassungsgericht macht sich der Staat das Kreuz zum Symbol in Klassenzimmern und Ämtern, das Staatskirchenrecht paßt sichtlich primär auf die rechtsförmige Organisation der christlichen Kirchen.</p>
<p><span id="more-2225"></span></p>
<p>Diese rechtliche de-facto-Privilegierung des Christentums, diese christliche Leitkultur (noch einmal: »Leitkultur« hier als polemischer Begriff einer empirischen Beobachtung) korrespondiert natürlich mit gesellschaftlicher Prägung. Was eigentlich exklusiv und charakteristisch christlich ist, wird zum formgebenden Merkmal der gesamten Gesellschaft: Der Jahreskreis ist gestaltet durch christliche Feste, auch für Nichtchristen. Ostern als Frühlingsfest, Weihnachten als Winterfest, Nikolaus, Christkind, Engel ohne explizite christliche Ausdeutung als saisonale Symbole. Der christliche Ursprung läßt sich nicht verleugnen, ist aber aufgegangen in einer allgemein zugänglichen, gesamtgesellschaftlich verstandenen und akzeptierten Bildersprache – erst recht, wenn es um christianisierte Symbole wie Christbaum und Osterhasen geht.</p>
<p>Das rechtliche und gesellschaftliche Primat des Christentums wird mit Klauen und Zähnen verteidigt: Ob es das <a href="http://fxneumann.de/2010/04/26/deutschland-unterm-kreuz/">Kreuz in staatlichen Einrichtungen</a> ist, ob es (die aktuelle Debatte:) Tanzverbote an Stillen Feiertagen sind, ob es die Deutungshoheit über Symbole ist (jedes Jahr die ewig gleiche besserwisserische Kampagne um den Nikolaus, der kein Weihnachtsmann ist, ganz aktuell <a href="http://www.bonner-muenster.de/aktuelles/nachrichten-11/2011-04-17-ostern-hasenfest.htm">Ostern, das kein Hasenfest sein soll</a>). Das ist verständlich: Symbole sind wirkmächtig. Das ist aber auch ein sehr zwiespältiges Vorgehen: Einerseits wird auf die gesellschaftsprägende Deutehoheit, auf die Lufthoheit über den Gabentischen wertgelegt, wird ein Mitspracherecht und eine Regelungskompetenz der religiösen Sphäre in und durch die staatliche Sphäre eingefordert (darum geht es bei staatlich sanktionierten religiösen Bräuchen wie den Stillen Feiertagen), wird das Christliche als tragendes Fundament der Gesellschaft verteidigt und damit die rechtliche und zivilreligiöse Privilegierung des Christentums eingefordert und begründet. Andererseits aber wird die Konsequenz einer zur Leitkultur gewordenen Partikularkultur nicht erkannt.</p>
<p>Indem kulturelles Sondergut in die Allgemeinheit gegeben wird, wird eine Kontrolle durch die ursprüngliche Instanz illusorisch. Genau wie für andere Immaterialgüter gilt: Nur wer sie für sich behält, kann sie kontrollieren. Wie jedes Lied Teil der öffentlichen Sphäre wird und damit ständiger Reproduktion und Adaption ausgesetzt ist, wird auch eine kulturelle Praxis unkontrollierbarer Reproduktion und Adaption ausgesetzt. Ostern und Weihnachten, Nikolaus und Engel <em>gehören</em> nicht mehr den Christen oder gar den verfaßten Kirchen: Sie sind Teil des kulturellen Kapitals einer ganzen Gesellschaft geworden, ihre Bedeutung wird von der gesamten Gesellschaft, nicht nur ihres christlichen Teils, verhandelt und produziert. (<a href="http://blog.till-westermayer.de/index.php/2011/04/15/kurz-zur-karfreitagsdebatte/">Till Westermayer hat das in einem kurzen Artikel sehr schön dargelegt,</a> den ich eigentlich schon in meinem ersten Tanzverbot-Artikel hätte zitieren sollen: »Als Atheist mache ich es mir da vielleicht zu einfach, aber ich nehme Ostern nicht als christliches Fest war. Sondern als säkularisierte (staatliche) Frühlingsfeiertage.«)</p>
<p>Die Argumentation (etwa von <a href="http://fxneumann.de/2011/04/15/judisch-christliche-zivilreligion/#comment-1808">Christian Soeder in den Kommentaren</a> zu meinem letzten Artikel, aber auch ausführlich in den <a href="http://blog.till-westermayer.de/index.php/2011/04/15/kurz-zur-karfreitagsdebatte/#comment-24697">Kommentaren zu Tills Artikel</a>), daß christliche Feiertage im Paket eingekauft werden – also: entweder Feiertag nach den Vorstellungen der Kirchen oder gar kein Feiertag – greift zu kurz: Sonn- und Feiertage als Geschenk der Christen an die Welt (wie eine in Sachen Sonntagsschutz engagierte Katholikin mir einmal erklärt hat) verhalten sich tatsächlich wie Geschenke: Wie die Beschenkte damit umgeht, ist in der Hoheit der Beschenkten, und erst recht bei Immaterialgütern wie kulturellem Erbe. Um das Geschenk des freien Karfreitags und Ostermontags hat kein Nichtchrist gebeten, und mit den Folgen – etwa geschlossenen Läden – müssen alle gleichermaßen leben; daß auch die Atheistin den Ostermontag arbeitsfrei hat, obwohl sie ihn sich nicht durch den Karfreitag verdient hat, gar das freie Frühlingswochenende für <em>ihre</em>, gänzlich nichtchristliche Form der seelischen Erhebung verwendet hat, ist eine Konsequenz des staatlich durchgesetzten Feiertags. Wie könnte sie sich nicht dazu verhalten und es in ihre kulturelle und Lebenspraxis integrieren?</p>
<p><em>You can&#8217;t have the cake and eat it too</em> (wieder Soeder, ebd., aber gerade umgekehrt) – der Preis einer christlichen Leitkultur ist eine Entkernung, eine Ent-Existenzialisierung, eine Profanisierung des Christlichen: So sehr das Christliche die Gesellschaft formt, so sehr werden die christlichen Sprachspiele, die christlichen Inhalte auch wieder gesellschaftlich geformt, umgeformt, überformt. Paradoxerweise verstehen das die christlichen Politiktreibenden (seien es <a href="http://fxneumann.de/2009/11/14/rueckzugsgefecht-gegen-die-welt/">Bischöfe</a>, seien es <a href="http://fxneumann.de/2010/04/26/deutschland-unterm-kreuz/">Politiker im engeren Sinn</a>) am wenigsten und müssen sich von säkularen Gerichten und <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/warum_hast_du_uns_verlassen__guido_renis_kreuzigung_1.2195409.html">frommen Muslimen</a> erklären lassen, wie säkularisierend (und letzten Endes trivialisierend) eine Kulturalisierung des Christlichen ist.</p>
<p>(<a href="http://theosalon.blogspot.com/2011/04/hasenfu.html">Peter Otten</a> hebt dazu auch treffend hervor, daß bei aller Verteidigung rechtlicher Privilegien die theologische Argumentationsleistung der Christen für Feiertage schwach ist.)</p>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2225&amp;md5=22de7def590a22ea29b5295f8be711b6" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Linktip: Religion Dispatches</title>
		<link>http://fxneumann.de/2011/04/19/linktip-religion-dispatches/</link>
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		<pubDate>Tue, 19 Apr 2011 18:02:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Nebenbei]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
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<p>Religion Dispatches ist ein Online-Magazin zu theologischen und kirchlichen Themen (»dedicated to the analysis and understanding of religious forces in the world today, highlighting a diversity of progressive voices and aimed at broadening and advancing the public conversation«), das viel öfter verlinkt werden sollte – etwa für Artikel wie den gestern unter dem Titel <a href="http://www.religiondispatches.org/archive/atheologies/4440/vatican%3A_gay_rights_opponents_are_real_victims/">»Vatican: Gay Rights Opponents are Real Victims«</a> erschienenen. Der trockene Titel steht über einem angenehm unaufgeregten, sachlichen Essay zum Thema Homosexualität aus theologischer Sicht, das unter anderem das prekäre Naturrechtsverständnis des Lehramts aufgreift, dem ich praktischerweise – ich habe das <a href='http://fxneumann.de/2010/04/27/homosexualitaet-widerspruch-aus-loyalitaet/' title='Homosexualität: Widerspruch aus Loyalität'>anderswo</a> ausgeführt – sehr zustimmen kann:</p>
<blockquote><p>
There is an easy solution to the hierarchy’s increasing distance from the laity and ordinary clergy: just as the Church finally acknowledged slavery and racial segregation to be wrong and finally recognized full equality for black people, it can acknowledge that homophobia and sexual orientation discrimination and violence are wrong and recognize that sexual orientation and gender identity are social realities in our complex world. Otherwise, the Church lends legitimacy to violence based on sexual orientation and gender identity. The Church is not the victim.
</p></blockquote>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2221&amp;md5=bbe4923d71cbcf587f6e346186029bc5" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Jüdisch-christliche Zivilreligion</title>
		<link>http://fxneumann.de/2011/04/15/judisch-christliche-zivilreligion/</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Apr 2011 14:58:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Ostern kommt, und wie Ostern nicht ohne Karfreitag geht, geht auch wieder die Frage nach den stillen Feiertagen um. Und es geht um alles:

»Unser christlich-jüdisch geprägtes Werteverständnis stellt das Fundament unserer abendländischen Gesellschaft in Deutschland dar  Der Karfreitag ist als christlicher Feiertag dem Gedenken an das Leiden und die Kreuzigung Jesu Christi gewidmet, ...]]></description>
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<p>Ostern kommt, und wie Ostern nicht ohne Karfreitag geht, geht auch wieder die Frage nach den stillen Feiertagen um. Und es geht um alles:</p>
<p>»Unser christlich-jüdisch geprägtes Werteverständnis stellt das Fundament unserer abendländischen Gesellschaft in Deutschland dar […] Der Karfreitag ist als christlicher Feiertag dem Gedenken an das Leiden und die Kreuzigung Jesu Christi gewidmet, […] und dies verträgt sich nicht mit lautem Feiern«, <a href="http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2855&#038;_ffmpar[_id_inhalt]=7998198">so der Frankfurter Kirchendezernent Uwe Becker</a>.</p>
<p>Was hier verteidigt wird, ist keineswegs ein solides Wertfundament. Als Trittbrettfahrer des Religiösen werden leitkulturelle Chiffren verhandelt: Wir und die, und »wir« sind ermächtigt, »unsere« Wertentscheidungen politisch durchzusetzen.</p>
<p><span id="more-2213"></span></p>
<p>Natürlich kann man die Privilegierung einer bestimmten Religion säkularistisch und generell religionskritisch kritisieren; diese Kritik ist aber auch von einer religionsfreundlichen (in meinem Fall auch: religiösen) Warte möglich: nicht der Staat wird getauft: Die Religion wird zur bloßen Legitimationsfiktion des Staates – und zwar eines ausgrenzenden Staates, der sich nicht um die Freiheit des einzelnen, sondern um das wärmende Feuer eine Leitkultur schart, das von dem <a href="http://www.religiondispatches.org/archive/politics/3984/what_do_we_mean_by_%E2%80%98judeo-christian%E2%80%99_/">Strohmann »jüdisch-christliche Werte«</a> genährt wird. Das Tanzverbot an »stillen Feiertagen« wird zum Teil einer im Wortsinn staatstragenden Zivilreligion. </p>
<p> Die Freiheit der Religionsausübung wird soweit gedehnt, daß daraus ein Anrecht erwächst, anderen das eigene Religionsverständnis als Handlungsanweisung aufzuerlegen; ein Religionsverständnis, aus dem dann auch das Recht erwächst, unbotmäßige Religionsausübungen im Namen der Leitkultur zu verbieten – sei es ein französisches Burkaverbot, sei es ein Schweizer Minarettverbot. In einem älteren <a href="http://fxneumann.de/2010/04/26/deutschland-unterm-kreuz/">Artikel, der diese Frage etwas umfangreicher angeht</a>, habe ich das geschrieben: »Wenn der Staat nicht neutral ist, etwa indem er bestimmten Religionen Privilegien einräumt, die andere nicht haben, ist er nicht mehr neutral und verletzt die Religionsfreiheit.« (Aktuell dazu auch <a href="http://blog.jan-filter.de/2011/04/15/gebt-die-feiertage-frei/">Jan Filter</a>, der das ganze aus einer dezidiert anderen Perspektive angeht, aber im Ergebnis zum selben Ergebnis wie ich kommt.)</p>
<p> Becker: »Wir können nicht bei jeder Gelegenheit die Ankerpunkte unserer Gesellschaft lösen und uns dann wundern und beklagen, wenn unser Wertegerüst Schaden nimmt.«</p>
<p> Was ist ein Wertgerüst wert, das durch Tanzen zum Einsturz gebracht wird? (Und: Verdient nicht jedes »Wertgerüst«, das an Musik und Tanz Anstoß nimmt, nichts als Verachtung? <em>If I can&#8217;t dance, it ain&#8217;t my revolution.</em>) Was ist ein Wertgerüst wert, das nicht durch die Kraft des Arguments besticht, das ohne staatliche Sanktionierung jeglicher Akzeptanzfähigkeit verlustig geht? <em>Das</em> Wertgerüst, oder besser: die gesellschaftliche Deutehoheit, die hier verhandelt wird, ist in der Tat und zurecht brüchig. Gerade solche markigen Worte wie die Beckers zeigen, daß es letzten Endes doch nur <a href="http://fxneumann.de/2009/11/14/rueckzugsgefecht-gegen-die-welt/">Rückzugsgefechte gegen die Welt</a> sind, die hier geführt werden.</p>
<p> Und das halte ich auch (und gerade als Christ) nicht für schlimm: Die kleinbürgerliche Freude, anderen Leuten die eigenen Wertvorstellungen aufzuzwingen, kann doch ernsthaft niemand als Wertgerüst eines freiheitlichen Staates sehen. Und erst recht nicht als Essenz und <em>Conditio sine qua non</em> des Christentums, das doch eine Botschaft der Freiheit sein soll (»zur Freiheit hat uns Christus befreit«): Das große Freiheitsgeschehen wird mit <a href="http://www.woetzel-online.info/index.php?op=ViewArticle&#038;articleId=1567&#038;blogId=1">kleinlicher Blockwartmentalität</a> schlechtgeredet. »Christliche Werte« (schon das ist zu einer leitkulturellen Floskel kleingeredet), die auf die staatliche Macht angewiesen sind, verlieren ihre innere Legitimation. »Von Wahrheit groß, von Gnade mächtig«, heißt es. Das Abendland geht nicht unter, wenn Menschen am Karfreitag auf Gräbern tanzen.</p>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2213&amp;md5=126980edf8f92363fc91ff25e23f8ac7" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Staat, Kirchen, Rechtsform?</title>
		<link>http://fxneumann.de/2010/09/21/staat-kirchen-rechtsform/</link>
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		<pubDate>Tue, 21 Sep 2010 18:36:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In Baden-Württemberg sollen die Zeugen Jehovas nach Willen der Landesregierung nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts die Privilegien einer offiziell anerkannten und verfaßten Religionsgemeinschaft bekommen. Daß sie damit nicht steuerlich bessergestellt werden, daß sie keine Rundfunk-Sendezeit eingeräumt bekommen, daß sie nicht in Rundfunkräte kommen, ist mir durchaus sympathisch – Sympathie ist aber im Verhältnis ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<abbr class="unapi-id" title="http://fxneumann.de/?p=2157"><!-- &nbsp; --></abbr>
<p>In Baden-Württemberg sollen die Zeugen Jehovas nach <a href="http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/landeskabinett-erkennt-zeugen-jehovas-nicht-an--35620785.html">Willen der Landesregierung</a> nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts die Privilegien einer offiziell anerkannten und verfaßten Religionsgemeinschaft bekommen. Daß sie damit nicht steuerlich bessergestellt werden, daß sie keine Rundfunk-Sendezeit eingeräumt bekommen, daß sie nicht in Rundfunkräte kommen, ist mir durchaus sympathisch – Sympathie ist aber im Verhältnis zum Staat keine gute Richtschnur.</p>
<p>Die Begründung der Landesregierung jedenfalls zeigt, daß das Konstrukt <a href="https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Körperschaftsstatus">KdÖR im Staatskirchenrecht</a> (und die damit verbundenen Privilegien) als Organisationsform grundsätzlich problematisch ist.<br />
<span id="more-2157"></span><br />
Voraussetzung für die Gewährung des Körperschaftsstatus ist (explizit geregelt, <a href="http://dejure.org/gesetze/GG/140.html#g12">Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 V WRV</a>) ihre Dauerhaftigkeit und (implizit abgeleitet) Rechtstreue. (Klar: Der Staat ist ans Recht gebunden, also kann er nur im Rahmen dieser Rechtsbindung hoheitliche Privilegien verleihen.)</p>
<p>Damit ist bereits das erste Problem da: In Religionen, die im allgemeinen eine transzendente Wertquelle kennen, jedenfalls nicht den Staat oder seine fundamentalen Rechtsgrundsätze als letzte oder einzige Fundamentalnorm anerkennen, ist ein Konflikt bereits angelegt. (Ein Konflikt, der bei den christlichen Kirchen insofern gemildert – aber nicht aufgehoben! – ist, als daß die Würde als vorpositive staatliche Fundamentalnorm als säkulare Formulierung der christlichen moralischen Fundamentalnorm Gottesebenbildlichkeit aufgefaßt werden kann.)</p>
<p>Religionen, die <a href="https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-Diktum">mit Böckenförde</a> zu den Voraussetzungen gehören, auf die ein freiheitlicher Staat angewiesen ist, ohne sie selbst garantieren zu können, sind ein paradoxes Zusammenspiel von systemstabilisierender und systemtranszendierender Ideologie: Einerseits sorgen sie für sozialen Zusammenhalt, bilden bürgerschaftliche Netzwerke, sind eine Wertquelle, andererseits erkennen sie den Staat gerade nicht als höchste Autorität an. Paul Nolte nennt das (in »Religion und Bürgergesellschaft«) »Dissens- und Dissidenzpotential der Religion«. Biblisch: Einerseits <a href="http://www.bibleserver.com/text/EU/R%C3%B6mer13/1">gibt es keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt</a>, andererseits <a href="http://www.bibleserver.com/text/EU/Apostelgeschichte5/29">muß man Gott mehr gehorchen als dem Menschen</a>.</p>
<p><a href='http://fxneumann.de/2010/05/24/sigint-2010-urheberrecht-eigentum-und-kunst/' title='Sigint 2010: Urheberrecht, Eigentum und Kunst'>Ziviler Ungehorsam</a> und besonders <a href='http://fxneumann.de/2009/08/22/der-buchstabe-totet/' title='Der Buchstabe tötet'>Kirchenasyl</a>, nicht etwa die pauschale Weigerung der Zeugen Jehovas, Wehrdienst zu leisten oder Hymnen zu singen, sind die prominentesten Beispiele. Und solange das kirchliche Handeln zumeist (wenigstens mittelbar) per Kirchensteuer finanziert ist, ist die Abgrenzung, was die Kirchen nun quasi-hoheitlich tun (und wo es eine besondere Pflicht der Rechtstreue gibt) und was nicht, so einfach nicht zu treffen.</p>
<p>Den Zeugen Jehovas wird vorgeworfen, sie lehnten eine Beteiligung am Staat ab, etwa indem sie nicht an Wahlen teilnehmen. (Loyalität zum Staat ist allerdings gerade keine Voraussetzung für die Anerkennung als Körperschaft, wie das <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20001219_2bvr150097.html#abs92">Bundesverfassungsgericht entschieden hat</a>.) Wie will man hier die Grenze ziehen – das katholische Kirchenrecht verbietet Klerikern die Ausübung von öffentlichen Ämtern, die mit der Ausübung weltlicher Gewalt verbunden sind <a href="http://overkott.dyndns.org:8080/cic/suche2.php?database=cic&#038;buch=cic&#038;wort=can.+284%20-+%A7+3&#038;wort1=677&#038;wort2=687&#038;titel=CODEX%20DES%20KANONISCHEN%20RECHTES">(can. 284 § 3)</a> und sogar die »aktive Mitarbeit« in Parteien <a href="http://overkott.dyndns.org:8080/cic/suche2.php?database=cic&#038;buch=cic&#038;wort=can.+287&#038;wort1=683&#038;wort2=693&#038;titel=CODEX%20DES%20KANONISCHEN%20RECHTES">(can. 287 § 2)</a>. Der Unterschied zur Fundamentalopposition der Zeugen Jehova scheint mir hier eher ein quantitativer als ein qualitativer zu sein. (Natürlich gibt es qualitative Unterschiede, sehen die Zeugen Jehovas doch den <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20001219_2bvr150097.html#abs98">Staat als »Bestandteil der Welt Satans«</a>; völlig zurecht stellt das BVerfG allerdings auch fest, daß das den Staat nichts anzugehen habe.) Sicher: Das eine ist eine wohlbegründete Regelung, die kirchlicherseits die Trennung von Kirche und Staat unterstützt, das andere Fundamentalopposition – wie aber soll rechtssicher in Grenzfällen entschieden werden, ohne inhaltliche (nicht-neutrale) Wertungen? Und wo ist die Grenze?</p>
<p>Auch die anderen Kritikpunkte der Landesregierung sind zumindest schwierig. (Das angeführte Gutachten scheint noch nicht öffentlich zu sein.) Benannt werden das Kontaktverbot mit Aussteigenden, das sowohl das Grundrecht auf Achtung der Familie und der Ehe wie auch die Religionsfreiheit beschneide, sowie die Ablehnung von Bluttransfusionen aus religiösen Gründen, da damit Minderjährige gefährdet werden.</p>
<p>Ein zentrales Merkmal von sozialem Kapital ist, daß es nach innen integriert und nach außen ausschließt. In diesem Fall besonders kraß; nicht eingegangen wird darauf, inwiefern das nicht auch in traditionell christlichen Dörfern der Fall ist. Nicht eingegangen wird darauf, inwiefern die Bewertung der Ehen von wiederverheirateten Geschiedenen durch die Kirche ebenfalls die Rechte aus Art. 6 GG beschneidet. Religiöse Regeln, die das Zusammenleben mit Andersgläubigen regeln, gibt es in vielen Religionen; im katholischen Christentum etwa, wenn es um Eheschließungen geht. Informelle, gesellschaftliche Regeln, die das Zusammenleben mit anderen regeln, gibt es in jeder Gemeinschaft, und immer erzeugen sie Ausschlüsse, die ein Staat nicht selbst herbeiführen dürfte.</p>
<p>Auch das Argument der heute so irrational scheinenden Ablehnung von Bluttransfusionen (über Bande gespielt, indem auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit von Kindern abgehoben wird) kommt bei etablierten Religionen in anderen Formen zum Tragen. Katholischerseits könnte eine identische Situation auftreten, wenn es um Heilmethoden geht, die auf verbrauchender Embryonenforschung basieren. Jüdischer- und muslimischerseits könnten (hier ausdrücklich Konjunktiv, bei diesem Thema muß ich mich auf zusammengegoogelte Informationen verlassen) religiöse Reinheitsgebote und unkoschere, nicht-halale Medikamente und Heilmethoden in Konflikt geraten.</p>
<p>Das ist kein Plädoyer für eine Relativierung der doch großen Unterschiede – gerade unter den Vorzeichen einer weitgehend säkularisierten Volkskirche und im Gegensatz dazu einer von dieser Welt abgeschotteten Sekte. Es zeigt aber die Problematik eines quasi-hoheitlichen Status für Religionsgemeinschaften auf. Indem ihnen ein quasi-hoheitlicher Status zuerkannt wird, wird rechtlich die Analogie zum Staat gezogen; dabei ist die weit passendere Analogie doch die zu anderen gesellschaftlichen Akteuren: Religionsgemeinschaften nicht als Ausfluß hoheitlicher Gewalt, sondern als Ausfluß gesellschaftlicher freiwilliger Assoziation. (Ausführlicher dazu in meinem Artikel <a href='http://fxneumann.de/2010/05/28/befriedung-durch-neutralitaet/' title='Befriedung durch Neutralität?'>»Befriedung durch Neutralität«</a>.) Religionen (und die meisten gesellschaftlichen Gruppen), nicht nur die Zeugen Jehovas, können den grundrechtlichen Anforderungen an eine staatliche Hoheit nie gerecht werden. Konsequent wäre es also, auf eine hoheitliche Organisationsform zu verzichten. Institutionelle und und kollektive Religionsfreiheit funktioniert bereits jetzt auch für Religionsgemeinschaften, die nicht als KdÖR organisiert sind.</p>
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		<title>Aktuelle Antworten</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Sep 2010 09:58:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Felix Neumann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rückstand aufgeholt, erster Teil: Die ausstehenden Formspring-Fragen sind beantwortet – es ging um die Antifa, Frauenquoten, StreetView, Deontologie, generisches Maskulinum, Spaßreligionen und PID. Eventuelle neue Fragen beantworte ich jetzt wohl zeitnäher – einfach fragen!


Warst du früher bei der Antifa?
Was denkst du über Frauenquoten in Führungspositionen? 
Lassen Sie Ihr Haus bei StreetView verpixeln?
Bist du Deontologe?
Wie ...]]></description>
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<p>Rückstand aufgeholt, erster Teil: Die ausstehenden Formspring-Fragen sind beantwortet – es ging um die Antifa, Frauenquoten, StreetView, Deontologie, generisches Maskulinum, Spaßreligionen und PID. Eventuelle neue Fragen beantworte ich jetzt wohl zeitnäher – einfach <a href="http://formspring.me/fxneumann">fragen</a>!</p>
<ul>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/1073773343">Warst du früher bei der Antifa?</a></li>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/1073780997">Was denkst du über Frauenquoten in Führungspositionen? </a></li>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/1073814663">Lassen Sie Ihr Haus bei StreetView verpixeln?</a></li>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/1073852945">Bist du Deontologe?</a></li>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/1073881419">Wie stehst du zum generischen Maskulinum?</a></li>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/1073930925">Wie stehst du denn zu diesen vielen &#8220;Spaßreligionen&#8221; wie z.B. das fliegende Spaghettimonster, das Unsichtbare Rosafarbene Einhorn oder den Jedi-Rittern? Kannst du über sowas lachen oder eher nicht?</a></li>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/1074018120">Begrüßen Sie die Entscheidung des BGH zur Präimplantationsdiagnostik?</a></li>
</ul>
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		<title>Nur noch ein Gott kann uns retten</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Jul 2010 08:58:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>formspring</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Formspring kann jetzt auch nach Wordpress exportieren. Tolle Sache!

Kant hat eigentlich schon alles gesagt (»Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee«) – ich glaube nicht, daß sich die Theodizeefrage so beantworten läßt, daß man zu einer Antwort in der Form »Deshalb gibt es das Leid« kommen kann. 

Es bleibt nur die Hoffnung ...]]></description>
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<p><em><a href="http://formspring.me/fxneumann">Formspring</a> kann jetzt auch nach WordPress exportieren. Tolle Sache!</em></p>
<p>Kant hat eigentlich schon alles gesagt <a href="http://www.korpora.org/Kant/aa08/253.html">(»Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee«)</a> – ich glaube nicht, daß sich die Theodizeefrage so beantworten läßt, daß man zu einer Antwort in der Form »Deshalb gibt es das Leid« kommen kann. </p>
<p>Es bleibt nur die Hoffnung auf Versöhnung.<br />
<span id="more-2078"></span><br />
Das macht meines Erachtens auch christlichen Glauben aus: Irgendwelche Wunder sind nichts besonderes; von brennenden Dornbüschen bis zum Auferwecken von Toten: Letzten Endes ist das nichts qualitativ neues, sondern rein quantitativ. Für einen superheldenförmigen Gott braucht es keine Transzendenz. Hier gilt <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Clarke%E2%80%99s_three_laws">Clarkes drittes Gesetz</a>: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.« (Denn was ist Zauberei anderes als ein transzendentes Wirken? Wäre Zauberei immanent zu beschreiben, also mit Hilfe der Naturwissenschaft, wäre sie keine Zauberei.)</p>
<p>Eingreifen in die Welt macht also nicht Gottes Wirken (oder besser: die Göttlichkeit Gottes) aus. (Und <a href="http://www.elia-gemeinschaft.de/wordpress/2010/07/03/spiritualitat/agenten-und-alleingange">Gebete sind keine Zaubersprüche</a>.) Im Gegenteil bestreite ich, daß Gott überhaupt in die Welt eingreift: Meines Erachtens folgt Gottes Allmacht direkt aus der formalen Umschreibung des christlichen Gottesbilds von demjenigen, über den hinaus nichts größeres gedacht werden kann (daher ist die Möglichkeit von Wundern anzunehmen), wobei aus dieser Allmacht noch nicht gefolgert werden darf, daß sie ausgeübt wird; insbesondere würde jeder direkte Eingriff in die Autonomie der Welt (vulgo: Wunder) einen Konflikt mit dem Prädikat der Allgüte hervorrufen, würde sich doch sofort die Frage nach der tatsächlichen Freiheit des Menschen einerseits und die Frage nach den fehlenden Eingriffen Gottes bei anderen Situationen aufdrängen. Nimmt man also die Theodizeefrage ernst, kann man zwar die Möglichkeit von Wundern zugestehen, muß jedoch die Aktualisierung dieser Möglichkeit um der Freiheit des Menschen und der Allgüte Gottes willen verwerfen.</p>
<p>Zurück zum Thema: Was Gott nicht als bloß »jenes höhere Wesen, das wir verehren« ausmacht, was Gott qualitativ umschreibt (im Gegensatz zur formalen Umschreibung oben), ist die <a href='http://fxneumann.de/2009/10/21/know-god-twitter-theologie/' title='(k)no(w) god – Twitter-Theologie'>Fähigkeit, all das Unversöhnte zu versöhnen</a>. Auf diesen Gott hoffe ich. Insofern ist die Antwort auf die Theodizeefrage die Hoffnung auf Gott, gegen jede empirische Wahrscheinlichkeit.</p>
<p>Bei Formspring wurde ich noch andere Dinge in diesem Kontext gefragt:</p>
<ul>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/747437719">»Hast du während deines Studiums Zweifel an deinem Glauben bekommen?«</li>
<li><a href="http://www.formspring.me/fxneumann/q/742704980">»Warum geht ein aufgeklärter (junger) Mann in die Kirche? Was findest du dort?«</a></li>
</ul>
<p class="wp-flattr-button"></p> <p><a href="http://fxneumann.de/?flattrss_redirect&amp;id=2078&amp;md5=e6cb20fe58d04d2f12af6584422d5332" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://fxneumann.de/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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